Von Jana Sönnichsen, Q1
„It’s a new day, it’s a new life for me and I’m feeling good.“ Mit diesen Zeilen aus dem Song „Feeling Good“ von Michael Bublé beginnt die Inszenierung des Theaterstücks „Der zerbrochene Krug“, das sich der 12. Jahrgang am 27.01.2026 im Theater Kiel angeschaut hat. Zu dieser Musik bewegen sich die Figuren Eve und Ruprecht in der ersten Szene, fast wie in einem Tanz, immer wieder von einander weg, aufeinander zu, verstecken sich voreinander und vor Eves Mutter und wirken dabei verliebt und glücklich.
Eve und Ruprecht sind zentrale Figuren des Gerichtsprozesses in „Der zerbrochene Krug“ von Heinrich von Kleist. Der Prozess wird geleitet vom lüsternem, korrupten Dorfrichter Adam, der an diesem Tag mit einer großen Wunde am Kopf zum Gericht erscheint und noch dazu seine Perücke, die Teil seiner Amtstracht ist, nicht finden kann. Zu seinem Pech kommt gerade an diesem Tag der Gerichtsrat Walter in sein Dorf, um das Gericht dort zu begutachten. Sein Gerichtsschreiber Licht steht ihm scheinbar unterstützend zur Seite, hat aber selbst ein Auge auf Adams Richterposten geworfen. Die Klägerin in diesem Prozess ist Marthe Rull, Eves Mutter. Sie beschuldigt Ruprecht, Eves Verlobten, ihren Krug von Eves Fensterbank gestoßen zu haben. Ruprecht verteidigt sich und hofft auf Eves Unterstützung, aber sie möchte sich auf keine Seite schlagen. Tatsächlich kennt sie die ganze Wahrheit, denn es war Adam, der den Krug zerbrach, als er Eve in ihrem Zimmer belästigte. Durch die Zeugenaussage von Frau Brigitte, die auch Adams Wunde erklärt, und die letztendliche Schilderung von Eve wird er schließlich seiner Taten überführt und vom Gerichtsrat Walter als Richter suspendiert.
Natürlich ist „Feeling Good“ nicht die erste Szene der Originalausgabe, aber es ist der Auftakt einer modernisierten Inszenierung des Theater Kiel, die mit einem schlichten Bühnenbild auskommt und ein einheitliches Kostüm- und Farbkonzept verfolgt.
Die Bühne selbst besteht aus einem großen Rahmen und darin einem kleineren Würfel, in dem die Figuren der Judikative, also Adam, Licht und Walter, den Prozess verbringen. Die Innenwände des Würfels wirken, als würden sie bröckeln, und geben so einen Hinweis auf den Zerfall des Gerichts unter Adam. Zusätzlich zur eigentlichen Bühne nutzen die Darstellerinnen und Darsteller teilweise auch die Treppen im Zuschauerraum, sodass es sich anfühlt, als wäre man Teil des Stücks.
Das Farbkonzept ist in auffälligen Lila- und Pinktönen gehalten, was ein wenig aus der Zeit des Theaterstücks gefallen wirkt, dem Jahr 1811, in dem die Menschen auf dem Land vor allem gedeckte Farben wie Grau und Beige trugen. In der Kieler Inszenierung werden die Kostüme vor allem genutzt, um die Zusammengehörigkeit von Figuren darzustellen. So tragen Eve und ihre Mutter ähnliche pinke Westen und einen identischen gemusterten Rock; Adam, Licht und Walter als Teile des Rechtssystems sind in metallische Roben gekleidet. Besonders interessant ist bei dieser Aufführung die Verwendung von den Farbtönen Schwarz und Weiß. Häufig wird weiße Kleidung am Theater symbolisch für Unschuld und Reinheit verwendet, während schwarze Kostüme für Schuld und Korruption stehen. In der Kieler Inszenierung werden sie jedoch genau andersherum genutzt: Adam, der Täter, trägt unter seiner Robe ein weißes Unterhemd und eine helle Hose. Die drei Figuren, die letztendlich dafür sorgen, dass die Wahrheit herauskommt, Schreiber Licht, Walter und Frau Brigitte, tragen allesamt von Kopf bis Fuß schwarz.
Insgesamt bringt das Theater Kiel den Literaturklassiker also in unsere Zeit, denn auch das Thema ist nach wie vor aktuell. Sexuelle Übergriffe und Machtmissbrauch sind auch in der heutigen Zeit große Probleme, während intransparente Rechtssysteme in einigen Ländern zu viel Korruption und Leid führen. Sich durch Kultur mit solchen Themen auseinanderzusetzen kann aber helfen, sich ihrer bewusst zu werden und schließlich dagegen vorzugehen.

