Abiturtreffen nach 50 Jahren


Es ist das Jahr 1950.
35 kleine Mädchen im Alter von 13 Jahren betreten in bunten Sommerkleidern, mit langen Zöpfen und großen Schleifen im Haar schüchtern, aber erwartungsvolle das altehrwürdige Gebäude der damaligen Oberschule für Mädchen in der Ritterstraße. Wir werden zusammen mit den Eltern in die Respekt einflößende Aula mit den hohen Fenstern geführt. Vorn an der Wand prangt das überdimensionale Gemälde des Sämanns. Immer wieder fällt der Blick auf dieses kolossale Bild, auch als der Direktor der Schule, Herr Dr. Schultz, uns als die neuen Schülerinnen willkommen heißt.


Wir also beabsichtigen, den langen Weg durch alle Schulklassen zu gehen bis hin zum Abitur. Viele Jahre sind es, in denen wir die fremden Sprachen lernen: Englisch, Französisch, Latein. Wir tauchen ein in die Geheimnisse der physikalischen und chemischen Formeln und werden eingeweiht in die höhere Mathematik.

Frau Stender wird die neue Direktorin.
 

Es ist eine Zeit, da es strikt verboten ist, lange Hosen in der Schule zu tragen und Lippenstifte zu benutzen. Tränen über verhauene Arbeiten fließen; aber es werden auch Tränen gelacht, wenn wieder einmal ein Streich geglückt ist.
Drei Jahre – von Untertertia bis einschließlich Unterprima ist Herr Schlotter unser Klassenlehrer. Mit ihm unternehmen wir gleich mehrere Klassenreisen. Unvergessen sind die Fahrten nach Borgwedel an der Schlei, List auf Sylt mit dem Fahrrad und auch in den Schwarzwald. Um diese Reisen bezahlen zu können, arbeiten einige Mädels auf dem Bauernhof

Zu jener Zeit existiert neben dem RPRC der Herderschule auch ein Ruderclub an der Oberschule für Mädchen. Vier Schülerinnen aus unserer Klasse sitzen in einem Boot ( Anne, Käthe, Renate und Silvi ). Und dann wird auf der Obereider trainiert; mindestens dreimal in der Woche. Doch nicht etwa Rennen! Nein, „Stilrudern"! Was das ist? Auf Schönheit kommt es an. Herr Thiessen gibt die Anweisungen laut mit dem Megaphon. Er lehrt uns geradezusitzen, gleichmäßig die Blätter einzutauchen, dabei keine Wasserspritzer zu verursachen. Tatsächlich gewinnen wir bei Regatten etliche Preise.
Es naht die Zeit des Abschiednehmens. Nach Erreichen der „Mittleren Reife" verlassen viele Schülerinnen die „Anstalt", um einen Beruf zu erlernen.


Wir anderen drücken weiterhin die Schulbank. 1957 findet endlich das Abitur statt, und glücklich starten wir zu neuen Ufern. Ohne numerus clausus können wir verschiedene Studiengänge wählen: Fremdsprachenkorrespondenz, Gartenbauarchitektur, Jura, Pädagogik, Psychologie und Theologie.
Wir Schülerinnen von damals sind mittlerweile Mütter, Großmütter und sogar Urgroßmütter geworden.
50 lange Jahre sind vergangen. Aus diesem Grunde treffen sich am 30. und 31. Mai die Ehemaligen aus der Ola, um dieses Jubiläum zu feiern. Es sind : Uschi Brodersen, Anne Deutler, Renate Heise, Dorit Kraft, Karin Liebig, Silvia Meseke, Renate Müller-Kämpffer, Karin Petersen, Gisela Wernicke.

Bedauerlicherweise können nicht dabeisein: Käthe Gene, Erika Graetsch und Frauke Mangels. Verstorben sind: Helga Blume, Helga Burke und Gundula Skatikat.


Ein kleines Programm läßt die Erinnerungen an die Vergangenheit wach werden. Ein Rundgang durch die Stadt zeigt z.B. wie sehr sich Rendsburg im Laufe der Jahrzehnte verändert Man findet sich kaum noch zurecht. Doch zur großen Freude aller bestehen sie noch : Die Eisenbahnhochbrücke, das stattliche Theater und die „Hohe Straße" !
Was viele Jahre im Verborgenen ruhte, darf in diesen Tage; ans Licht gebracht werden. Es ist erlaubt, die Abiturarbeiten aus dem 50jährigen Dornröschenschlaf zu wecken, einen Blick hineinzuwerfen und die Beurteilungen der damaligen Lehrkräfte zu lesen. Welche Überraschungen werden sich nun zeigen?! Die größte Freude aber ist, alte Klassenkameradinnen wiederzusehen, auch wenn die Spuren des Lebens das Gesicht  zeichnen und die langen Zöpfe zarten, silbergrauen Fäden gewichen sind

 

Renate Gerlach, geb. Heise

30.Mai 2007

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